Springer will den Umsturz
Wie bei in der BILD-Zeitung aus einer "Situation" ein "politischer Umsturz" in Venezuela und Bolivien wurde
Wir waren schon etwas erstaunt: Gestern noch sah man die US-Schauspielerin Jessica Alba in der von James Cameron produzierten Serie "Dark Angel" gegen das Böse kämpfen. Und nun will die 28-jährige Kalifornierin einen "politischen Umsturz in Venezuela und Bolivien" inszenieren?
Das zumindest vermeldete die BILD-Zeitung unlängst in ihrem "Unterhaltungs-Telegramm".
BILD lässt die Schauspielerin sagen: "Da ist eine ganze Welt, die noch nicht genügend beleuchtet worden ist, und ich möchte dabei sein – Gewalt an der mexikanischen Grenze, politischer Umsturz in Venezuela und Bolivien und der Drogenhandel in Kolumbien."
Wir haben nun mal eben nachgesehen – und entdeckten Erstaunliches.
BILD beruft sich auf das britische Boulevard-Blatt "Daily Star". Dort spricht Alba von einem "political upheaval" in den beiden südamerikanischen Staaten, was sowohl Umbruch, im Sinne eines Veränderungsprozesses, als auch den konkreten Umsturz bedeuten kann.
Das Originalinterview aber stammt aus der Glamourzeitschrift "Siempre Mujer". Dort schildert Alba ihr Vorhaben, Spanisch zu lernen. In dem besagten Passus begründet sie dieses Projekt mit den für sie spannenden Themen in Lateinamerika. Die spanische Nachrichtenagentur EFE hat den Originalsatz in indirekter Rede zitiert. Dort ist aber nur noch von der "politischen Situation" die Rede.
Von der "Situation in Venezuela und Bolivien" wurde der "politische Umsturz in Venezuela und Bolivien". Springer bleibt sich treu.
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Wiener Schmonzes zu Venezuela
Mehr Fehler als Text: Die Wiener Zeitung berichtet über eine Demonstration in Caracas
In der Filmbranche wird einmal jährlich die Goldene Himbeere verliehen, ein Gegen-Oscar, der die schlechteste Leistung "auszeichnet". Würde es einen solchen Preis im deutschsprachigen Tageszeitungsgeschäft geben, dann würde es heißen: "The winner is ... Ines Scholz!"
Die Redakteurin der Wiener Zeitung mit der Telefondurchwahl 475 hat es geschafft, in ihrem Text über die letzte Großdemonstration so viel ideologisch verbrämte Propaganda und Falschaussagen unterzubringen, dass wir von amerika21.de nach der Hälfte zu zählen aufgehört haben. Hier eine Auswahl:
Für den gestrigen Donnerstag rief er (die Rede ist von Präsident Hugo Chávez, d.Red.) eine seine Anhänger dazu auf, sich zu einer Solidaritätskundgebung in der Hauptstadt Caracas zu versammeln. "Tag der Würde" taufte er das Straßenspektakel.
Richtig ist: Hier wurde nichts getauft. Der "Día de la Dignidad Nacional", so die offizielle Bezeichnung, wird seit Jahren begangen. Er erinnert an den versuchten Sturz des 1992 herrschenden korrupten Regimes.
Gekommen sind ein paar Hundert.
Eine der lustigsten Aussagen im Text, der wohlweislich nicht mit Bildern der Kundgebung illustriert wurde. Zu sehen ist stattdessen ein Archivbild von Staatschef Chávez. Wir haben oben ein Bild der staatlichen Nachrichtenagentur ABN eingefügt. Kollegin Scholz, zählen Sie mal nach!
Protestiert wird landesweit seit einer Woche nicht nur gegen die Schließung regierungskritischer Sender wie den RCTV, sondern auch gegen die regelmäßigen Stromabschaltungen. Zwei Tote forderten die Zusammenstöße von Studenten und Oppositionellen mit den Sicherheitskräften.
Schon wieder Zählprobleme. Wo kommt der Plural her? RCTV ist ein Sender. Und der wurde nicht geschlossen, sondern von Netz genommen, weil er Mediengesetze missachtet. Andere Stationen, mit denen es Probleme gab, haben sich nach der Sanktionsmaßnahme umgehend um Klärung bemüht und sind wieder zu sehen.
Zu den Toten: Die beiden Jugendlichen starben nicht bei "Zusammenstöße von Studenten und Oppositionellen mit den Sicherheitskräften", sie wurden bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten getötet. Einer von ihnen gehörte zudem der sozialistischen Jugendorganisation der regierenden PSUV an. Das passt Kollegin Scholz aber nicht ins Bild.
Seit Monatsbeginn wird auch in Caracas alle zwei Tage der Strom für vier Stunden abgeschaltet.
Stimmt auch nicht. Diese Maßnahme wurde gleich wieder zurückgenommen.
Ergo: Weniger Schmagerl schreiben, mehr berichten.
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dpa weit weg von Geschehen und Realität
Könnte es ein Problem darstellen, wenn eine Nachrichtenagentur aus dem brasilianischen São Paulo über die Verhältnisse in der tausende Kilometer weiter nördlich liegenden venezolanischen Hauptstadt Caracas berichtet?
Die Antwort lautet ja, wenn man einen Blick auf eine aktuelle Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zur venezolanischen Innenpolitik wirft, die die brasilianische Metropole als Ortskennung trägt. In dem Beitrag berichtet dpa über eine geplante Demonstration von Regierungsanhängern und den neuen Stromsparplan der Regierung - als hätten sie sich nicht mal die Mühe gemacht, ihre hoffentlich vorhandenen spanischsprachigen Quellen richtig zu verstehen. Oder nur ein Quäntchen über den historischen Kontext zu wissen. Vielleicht wollen sie auch einfach schreiben, was ihnen passt. Dann hätte der dpa-Text aber nichts mehr mit einer nachrichtlichen Meldung zu tun, sondern wäre journalistisch unprofessionell oder – schlimmstenfalls – politisch motivierte Desinformation.
So beginnt die Meldung mit dem Titel "Chávez ruft Anhänger zu 'Tag der Würde' auf", die unter anderem vom Online-Auftritt des Greenpeace-Magazins (offenbar ungeprüft) nachgedruckt wurde, mit folgendem Satz:
Als Reaktion auf die anhaltenden Proteste gegen seine Regierung hat Venezuelas Staatschef Hugo Chávez seine Anhänger zu einem "Tag der Würde" aufgerufen.
Dumm für die Agentur, dass diese Formulierung ihre offensichtliche Unwissenheit über venezolanische Geschichte offenbart: in Venezuela wird dieser Tag regelmäßig groß gefeiert, denn es ist der 4. Februar, der Jahrestag eines Putschversuches 1992 unter Führung des heutigen Präsidenten Hugo Chávez gegen die damalige korrupte und ultra-neoliberale Regierung. Es ist daher keinesfalls eine "Reaktion auf anhaltende Proteste", wie dpa glauben machen will.
Doch offensichtlich brauchen sie diesen Einstieg, denn eigentlich scheint es ihnen um eine erneute Meldung zu den kürzlichen Oppositionsprotesten gegen die Regierung wegen der Abschaltung von Fernsehsendern zu gehen, die dann auch im zweiten Absatz breit reflektiert werden. Die mittlerweile stattgefundene Wiederzulassung von vier der sechs vorher abgeschalteten Stationen ist für dpa dabei nicht erwähnenswert – genau so wenig, dass einer der bei Zusammenstößen Getöteten (auch längst offiziell bestätigt, statt "unbestätigt" wie dpa schreibt) ein junger Regierungsanhänger war. Das passt nicht ins Bild des Autoren dieser Meldung. Weiter heißt es:
Chávez hatte die Polizei angewiesen, hart gegen die Demonstranten vorzugehen.
Schaut man auf die Äußerungen von Chávez zu den Protesten, so ist auch dies eine recht eigenwillige Interpretation. Das Internetportal venezuelanalysis.com zitiert ihn etwas anders:
"Ich rufe alle Gouverneure und Bürgermeister auf, ihre Autorität zu nutzen. Damit meine ich nicht Repression, sondern Autorität, denn die gewalttätige Opposition sucht das Chaos."
Von dem Rückblick auf die Proteste wird im dritten Absatz zu dem neuen Stromsparprogramm umgeschwenkt. Wahrheitsgemäß wird berichtet:
Gleichzeitig verkündete Chávez eine Verschärfung der Sparmaßnahmen wegen der Energiekrise im Land.
Das zumindest wird richtig wiedergegeben. Doch wenn es dann um die Konkretisierung geht, wird es wieder unseriös:
Jetzt soll auch in Caracas wieder alle zwei Tage der Strom für vier Stunden abgeschaltet werden.
Schade, dass dpa keine Quellenangabe liefert, denn eine offizielle Ankündigung einer solchen Maßnahme gibt es nicht. Oder haben sie es einfach erfunden um die Situation dramatischer darzustellen? Die Regierung hat klar und deutlich erklärt, dass genau das erwähnte Programm in der Hauptstadt nicht zur Anwendung kommen soll. Lediglich die Industrie in und um die Hauptstadt werde nun zur Reduktion des Stromverbrauchs gezwungen, kleine Betriebe und Wohnviertel sind von Rationierungen ausgenommen, wie die Regierung betont.
Doch dpa braucht diese Falschdarstellung offenbar, um ihren dramatischen Schluss zu untermauern:
Seit Bekanntgabe des Sparprogramms im Dezember gibt es in Caracas so gut wie kein Nachtleben mehr: Kinos sind geschlossen, Bars und Restaurants machen um 21.00 Uhr zu.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Caracas ist in Bewegung wie eh und je, zu Weihnachten glitzerte es an jeder Ecke und die riesigen Einkaufszentren kamen nicht im Traum darauf ihre enormen Leuchtreklamen nachts auszuschalten, wie amerika21.de-Mitarbeiter in Caracas beobachten konnten. Sowohl Kinos, wie Bars und Restaurants waren offen. Regierung und Kommerz setzten alles daran, Konsum und Nachtleben am Laufen zu halten - das gelang ihnen offenbar sehr gut. Schließlich ging es für die Wirtschaft um große Einnahmen im Weihnachtsgeschäft und für die Regierung um die Zufriedenheit der strategisch wichtigen Hautstadtbevölkerung. Das hat auch dpa erkannt und will es augenscheinlich politisch gegen den unliebsamen Sozialisten Chávez nutzen.
Es bestätigt sich einmal mehr: Die dpa ist offensichtlich – was Venezuela angeht – als Propagandaagentur im Sinne der schwarz-gelben Lateinamerika-Politik der rechtsgerichteten Regierung Merkel/Westerwelle tätig.
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Glaubwürdigkeit schwer erschüttert
Chávez, die Medien und eine US-Wunderwaffe
Seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti am 12. Januar geisterte eine absurd anmutende Meldung durch die Medien. Venezuelas Präsident Hugo Chávez habe die Naturkatastrophe den USA in die Schuhe geschoben. Ursprung der Meldung ist aber nicht der Staatschef selbst, sondern die spanische Tageszeitung ABC.
Deren Mitarbeiterin Noelia Sastre berichtete am 20. Januar über die vermeintlichen Skandaläußerungen. Sastre zitiert Chávez zwar, gibt aber keine Quelle an. Stattdessen beruft sich die spanische Journalistin auf einen Bericht mit der fragwürdigen These, der auf der Seite des venezolanischen Senders VIVE erschien. Was sie nicht schreibt: Die Meldung stammt von der Seite des Nationalradios RNV, von der sie – offenbar nach redaktioneller Prüfung – schnell wieder verschwand. Der VIVE-TExt ist eine Kopie.
Obgleich es keinen Originalton von Chávez zu der "Wunderwaffe" gibt, macht die Meldung seither die Runde. Schon die Zeitung ABC gab die Stoßrichtung vor, indem sie die vermeintlichen Äußerungen des Venezolaners als "übliche Paranoia" einordnete. Auch im deutschsprachigen Raum fand die Meldung weite Verbreitung, eine Gegenrecherche bleib aus. Einzig in der Blogsphäre gab es Widerspruch. Die Seriosität der Medien ist mit diesem Fall – passend zum Erdbeben … schwer erschüttert.
Die Zeitungsente schmälert aber nicht nur die Glaubwürdigkeit der Medien, sie hat auch konkrete politische Auswirkungen. So nutzte sie der Geschäftsträger der US-Botschaft in Caracas, John Caulfield, um die venezolanische Regierung anzugreifen. "Ebenso wie (die linksgerichteten Staatsführungen in) Bolivien und Nicaragua nutzt Venezuela diese Situation (in Haiti), um von den gewaltigen Problemen im eigenen Land abzulenken", so Cautfield.
Dabei gibt es für Chávez-kritische Transatlantiker und US-Diplomaten einen anderen Fall politischer Idiotie. Im US-Kanal CBS führte der konservative Fernsehprediger Pat Robertson das Erdbeben auf die Geschichte Haitis zurück. Die dort lebenden ehemaligen Sklaven hätten zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, so Robertson, der über gute Verbindungen zur Republikanischen Partei der USA verfügt. Der Teufel habe Haiti geholfen, die Freiheit von den französischen Kolonisatoren zu erlangen – und das Erdbeben sei nun die Strafe Gottes. So sei auch zu erklären, dass die christliche Dominikanische Republik, der Nachbarstaat Haitis auf der Insel Hispaniola, unversehrt blieb. Im Gegensatz zu den Chávez-Meldungen fügen wir bei amerika21.de dafür die Quelle an. Schauen Sie mal rein, es lohnt sich.
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